Ahlam Shibli احلام شبلي

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© Ahlam Shibli
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Ahlam Shibli — EASTERN LGBT

Heim und Heimat
Zur Fotoserie Eastern LGBT von Ahlam Shibli

Von Lisette Lagnado, 2007



Als ich Ahlam Shibli in der ersten Aprilwoche 2006 begegnete, hatte sie erst mit der Recherche für die später unter dem Titel "Eastern LGBT" [1] versammelten Bilder begonnen. [2] Damals zeigte sie gerade im Museum für zeitgenössische Kunst in Herzliya die Serie "Trackers". Der Zweck meiner Reise bestand in Recherchen über das Kunstgeschehen in der Region für die Vorbereitung der 27. Biennale von São Paulo. Nach einer früheren Sitzung des Kuratorenteams war Ahlam Shibli bereits dazu eingeladen worden. [3] Deshalb ging es bei unserem Treffen darum, welches Projekt sie in der Biennale präsentieren würde. Das Konzept der Ausstellung erforderte, dass jeder Künstler eine neue Arbeit zusammen mit einer bereits vorhandenen zeigt, wodurch eine Art "Mini-Übersicht" zustande käme. Wir haben diese Strategie strikt verfolgt, um die bei den meisten Biennalen auftretenden déjá vu-Erlebnisse zu vermeiden sowie auch um eine gewisse Bandbreite des Schaffens der Künstler zu erfassen und experimentelle Projekte anzuregen.

Während Ahlam und ich im Café einander gegenüber saßen, entstand eine fragile Beziehung, die beim ersten falschen Wort zu zerbrechen drohte: Ich hatte die bei den Biennalen von São Paulo früher üblichen nationalen Beiträge abgeschafft, die Künstlerin wünschte aber, als in Haifa/Palästina geboren präsentiert zu werden. Sie sprach über den Unterschied zwischen "Haus" und "Heim" und konnte dabei nicht ahnen, welche Resonanz diese Begriffe in einem ihr zugleich sehr nahen und sehr fernen Gegenüber wie mir auslösen würden: ich wurde als Tochter syrischer Juden in der Demokratischen Republik Kongo geboren und wuchs dort auf, bis meine Familie aus politischen Gründen nach Brasilien emigrieren musste.

Ich ermutigte Ahlam Shibli aus mehreren Gründen zur Weiterentwicklung der Reihe "Eastern LGBT". Zum einen bezweifelte ich, dass ihr unmittelbar nach ihrer "Trackers"-Serie eine zweite, ebenso gute Arbeit zum Thema "Soldaten" gelingen würde. Für alle, die es nicht wissen: In "Trackers" geht es um israelische Staatsbürger palästinensischer Herkunft, die in der israelischen Armee dienen. Außerdem wollte ich das Klischee einer kritischen Betrachtung der besetzten Gebiete aus der "Opfer"-Perspektive vermeiden.

Ahlam Shibli ist eine Künstlerin mit solide strukturierten Gedanken und der Gabe, sich leidenschaftlich auszudrücken. Mit unermüdlicher Entschlusskraft widmet sie sich in jeder Werkreihe ihrem Leitmotiv "Haus" und "Heimat", und der Begriff der "Erzählung" taucht in ihrem Diskurs immer wieder auf. So führt eines zum anderen, und das aus der Gegenwartskunst anscheinend verbannte Genre der Erzählung ist wieder da, fast wie ein Versuch, Erfahrungen durch die Beantwortung einer einzigen Frage zu vermitteln: Wie kann man sich "zu Hause" fühlen? Ihre Erfahrung geht nicht von Mund zu Mund (Walter Benjamin), sondern von Bild zu Bild. Wir wissen, welche Macht ein Bild in der heutigen Welt hat.

In "Eastern LGBT" ist der Körper diese Heimat. Jeder hat seinen eigenen Körper und kann damit tun, was ihm gefällt. Wir sind für unseren Körper selbst verantwortlich - Michel Foucaults "Sexualität und Wahrheit" scheint sich zu bestätigen! Doch im Gegensatz zu dem, was wir von den Philosophen gelernt haben, gehört uns dieser Körper nicht. Egal, welcher Religion wir angehören - wir sind nur hier, weil es ein "Herrscher des Universums" so will. Jede Entscheidung, diesen Körper zu gebrauchen, gerät in Konflikt mit mehreren Tabus. Einige davon haben mit Hygiene und Nahrung zu tun, die meisten jedoch mit Regeln für Sexualpraktiken. Der Körper ist gesellschaftlich konditioniert, aber er ist vor allem eine göttliche Gabe - daher bestimmen sowohl Gott, als auch die Gesellschaft, die seine Lehren predigt, die Grenzen dessen, was wir mit uns selbst tun dürfen. Die menschliche Ethik kennt Gesetze für jeden Einzelfall.

Um nur von den drei großen monotheistischen Religionen zu sprechen: Homosexualität in ihren verschiedenen Manifestationen ist verboten und muss bestraft werden. Wie ein Fremder, von seinen eigenen Begierden entfremdet und mit Schuld beladen, leidet der Körper an der Unmöglichkeit, eine Gemeinschaft ("Heim") durch die Begegnung mit einem gleichgeschlechtlichen Partner einzugehen: er ist ein "unbehagliches" Haus zum Leben. Die Wahl des einzelnen unterliegt dem Zwang, und durch die Debatte kommen Wertbegriffe hinzu, die jede Vorstellung von "Heim" und, schlimmer noch, von "Heimat" zerstören. Gegenüber einer repressiven Gesellschaft entsteht eine zweite Vorstellung - die der "Gemeinschaft". Man muss das Haus der eigenen Familie verlassen, um mit Menschen eine Gemeinschaft zu bilden, die die eigenen Vorlieben teilen. Die Tatsache, dass die Familie nicht länger ein glückliches Zuhause ist und statt dessen Klubs und andere "dunkle Orte" ein mögliches Nest bieten - das ist die Entweihung im Verhalten der 1960er-Generation mit ihrer Stärke einer revolutionären Libido (Herbert Marcuse, "Eros und Zivilisation"). Von daher stellt sich die Frage: Inwiefern weicht Ahlam Shiblis Arbeit von dieser Tonart ab, um ihre Einzigartigkeit zu erlangen.

Bei näherer Betrachtung erweist sich ihre Stellungnahme zu "Trackers" als perfekte Erklärung der Serie "Eastern LGBT" - obwohl es sich um Bilder handelt, die ein menschliches Wesen mit einer ganz anderen Stellung in der Gesellschaft zeigen, bleibt die Grundfrage dieselbe, die nach dem: "... Preis, den eine Minorität an die Majorität zu zahlen hat, vielleicht um akzeptiert zu werden, vielleicht um ihre Identität zu wechseln, vielleicht um zu überleben oder vielleicht um dies alles und noch mehr zu erreichen". [4]

Ahlam Shiblis Kamera weicht nicht zurück. Die Bilder, die sie bei der 27. Biennale von São Paulo zeigte, erweitern die strikte Definition des Heims als eines Ortes, als eines Territoriums, als einer Wohnstätte. "Eastern LGBT" erkennt an, dass auch der Geschlechtstrieb zu dem affektiven Vokabular gehört, das mit dem Wort "Heim" verbunden ist. Die Konstituierung einer Familie ist die Basis, die sexuelle Beziehungen legitimiert. Hat Gott nicht die Frau für den Mann geschaffen? [5]

Der Künstlerin zufolge "brauchen wir alle die Bindung an eine Gemeinschaft" - selbst wenn diese Gemeinschaft in anderen Ländern gefunden werden muss. Das ist fast schon der Gedanke eines "freiwilligen Exils", das einem Haus namens "Körper" hilft, seine Begierde zu erfüllen. Während wir vor dem Problem der Legalisierung Palästinas stehen, widmet sich die Künstlerin der schwierigen Aufgabe zu verstehen, was ein Heimatland ist. Warum spricht Ahlam Shibli nicht von Heimat, sondern benutzt ein anderes Wort, "Heim", ein Synonym, das ihr zugleich eine Distanz erlaubt?



Anmerkungen

[1] LGBT ist ein Akronym für "Lesbian, Gay, Bisexual, and Transgender" - Anm. d. Ü.

[2] Ahlam Shibli wurde zur documenta 12 in Kassel eingeladen. (16. Juni - 23. September 2007)

[3] Lisette Lagnado war Chefkuratorin der 27. Biennale von São Paulo. Das Kuratorenteam bestand außerdem aus Rosa Martínez, Cristina Freire, Adriano Pedrosa und Josè Roca. Jochen Volz war Gastkurator.

[4] Ulrich Loock, "Ahlam Shibli, Widerstand gegen Unterdrückung", Camera Austria, Graz, Nr. 93, 2006, S. 41-51.

[5] Im Portugiesischen und in anderen lateinischen Sprache leiten sich vom Begriff "Haus" oder "Heim" (casa) unter anderem die Bezeichnungen für "Paar" (casal) und "Hochzeit" oder "Ehe" (casamento) ab. Der an den Folgen von Aids verstorbene Künstler José Leonilson (1957-1993) hinterließ zwei Zeichnungen mit Schriften, die ähnliche Fragen stellen wie Ahlam Shibli. In einer der Zeichnungen wird der Körper als "Tempel" dargestellt, in der anderen als Hülle eines "inneren Schutzberges" - göttliche und geografische Instanzen.


* Lisette Lagnado
Chefkuratorin der 27. São Paulo Biennale mit ihrem Projekt "How to live together" (Wie kann man zusammenleben), mit dem sie die Ausschreibung für die Biennale gewann. Doktor der Philosophie.


(Aus dem Englischen: Herwig Engelmann. Editiert anhand der portugiesischen Originalfassung: Binder & Haupt.)


This essay was published in the website:
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