Ahlam Shibli احلام شبلي

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© Ahlam Shibli



Heimat

Nordhessen, Deutschland (2016–17)
Serie von 53 Fotografien, 40 × 26.7 cm; 40 × 60 cm; 60 × 40 cm; 100 × 66.7 cm; 66.7 x 100 cm, C-Prints


Für John Berger



Heimat ist ein angeeigneter Raum. Sie existiert objektiv nicht in der Wirklichkeit. Wir schaffen uns die Vorstellung einer "Heimat" aus dem Bedürfnis heraus, irgendwo dazuzugehören. Heimat ist dort, wo die meisten Menschen nie gewesen sind und nie ankommen werden. Ausgenommen diesen Platz unter einem Haufen Erde mit einer Nummer, die wir bemerken, wenn wir auf unserem Weg ins Nirgendwo-Irgendwo vorbeigleiten.

—Santu Mofokeng


Die Arbeit Heimat handelt von zwei großen und mannigfaltigen Bevölkerungsgruppen, die zu verschiedenen Zeiten aus verschiedenen Gründen, unter verschiedenen Umständen und mit verschiedenen Erwartungen nach Kassel und Umgebung eingewandert sind. Die eine Gruppe sind die Heimatvertriebenen und Flüchtlinge deutscher Abstammung, die ab 1945/46 infolge des Zweiten Weltkriegs gezwungen waren, ihr Zuhause östlich der Oder-Neiße-Linie und in anderen Ländern Ostmitteleuropas aufzugeben. Sie mussten ihren gesamten Besitz und ihr Umfeld zurücklassen; bevor sie aufbrachen und unterwegs erlitten sie verheerende Gräueltaten. Bis zu fünfzehn Millionen Menschen wurden vertrieben, Hunderttausende starben.

Demgegenüber wurden Gastarbeiter und Gastarbeiterinnen aus dem Mittelmeerraum seit Mitte der 1950er Jahre angeworben, um das deutsche Wirtschaftswunder voranzutreiben und ökonomische Schwierigkeiten in ihren Herkunftsländern zu lindern. Sie kamen zwar auf Einladung, doch ersparte ihnen und ihren Nachkommen dies nicht die fremdenfeindliche Ablehnung und Gewalt, deren sichtbarster Ausdruck eine Serie von Morden war, die zwischen 2000 und 2007 durch den sogenannten Nationalsozialistischen Untergrund ausgeführt wurden.

Heimat beschäftigt sich damit, wie sich Angehörige dieser beiden Gruppen – an einem Ort, für den sie sich nicht zu diesem Zweck entschieden hatten – ein neues Zuhause schufen, oder daran scheiterten, darauf verzichteten, sich dagegen wehrten.



Bei der Recherche halfen Ayše Güleç, Emin Günaydin, Benjamin Kiel, Andrea Linnenkohl, Ulrich Loock, und Clara Sakić.
Produziert mit Unterstützung der documenta 14 und der A. M. Qattan Foundation (Ramallah, Palästina).